Ein Volksfeind

Das Stück

Der Arzt, Doktor Stocker, leitet das örtliche Kurbad, den Stolz und das wirtschaftliche Fundament der Region. Doch bei einer Wasseruntersuchung stellt er fest: Das Wasser im Bad ist vergiftet. Zusammen mit der Lokalzeitung will der Doktor die Bevölkerung informieren. Von der Chefredaktorin erhält er erst noch Rückendeckung, aber der Bürgermeister des Ortes – und Bruder von Herrn Stocker – verhindert die Veröffentlichung. Zwischen beiden entbrennt ein erbitterter Streit darüber, was schwerer wiegt: Transparenz und Gesundheit der Badegäste oder ein möglicher wirtschaftlicher Schaden. Wie ein Lauffeuer erfasst der Konflikt den ganzen Ort. Und plötzlich wendet sich die öffentliche Meinung gegen den Wissenschaftler und seine unbequemen Erkenntnisse.


Was der Hauptfigur hier passiert, erinnert nicht zufällig an die sogenannte Cancel Culture, das Aufbauen öffentlichen Drucks mit dem Ziel, polarisierenden und häufig diskriminierenden Haltungen keine öffentliche Bühne zu bieten. Gegner:innen sehen darin eine mögliche Einschränkung der Debattenvielfalt, Befürworter:innen ein Werkzeug gegen menschenverachtende Haltungen. Doch was passiert, wenn die Gegenseite die Strategie übernimmt? 


Henrik Ibsen schrieb Ein Volksfeind 1882 als Reaktion auf die öffentliche Diffamierung seiner Person und Stücke, welche gesellschaftliche Konventionen infrage stellten. Es war ihm höchst suspekt, wie die „öffentliche Meinung“ zur Wahrheit erhoben wird und welche Konsequenzen das für diejenigen hat, die gegen gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten aufbegehren (Text: Staatstheater Hannover).

 

Der Autor

Henrik Ibsen (1828 - 1906)

 

Der Norweger Henrik Ibsen gilt als einer der Begründer des Theaters der Moderne. Der nach Shakespeare zweiteinflussreichste Dramatiker aller Zeiten wird oft als „Vater des Realismus“ bezeichnet. Im späten 19. Jahrhundert schrieb Henrik Ibsen die bis dahin geltenden Regeln für Dramen komplett neu. Auch heutzutage ist Ibsens Realismus Vorbild vieler Theaterstücke. Er änderte das europäische Theater – damals bestenfalls Spielzeug und Ablenkung für gelangweilte Menschen – und hinterfragte die herrschenden Konventionen und bürgerlichen Moralvorstellungen. Keine Märchenfiguren, keine unglaubwürdigen Handlungen: Ibsen brachte sein Publikum in die Häuser der normalen Leute, hinter den Vorhang der Bourgeoisie und ihrer sorgfältig gehüteten Geheimnisse (visitnorway.com).